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Kulinarische Begegnungen 83 – „Che cazzo“

1. März 2019

Neben vielem anderen, was mich mit meinem Bruder verband, war es vor allem die Vorliebe für Italien und die italienische Küche. Es gab zahlreiche parallele Aufenthalte in Italien, es gab einige legendäre Kochveranstaltungen von uns dort für italienische Gastgeber und es gab Abende, die uns tief mit der italienischen Mentalität konfrontiert hatten.

Neben vielem anderen, was mich von meinem Bruder unterschied, war es vor allem seine Vorliebe für fette italienische Motorräder, während ich schon immer die Autos süddeutscher Bauart präferierte. Er fuhr also mit seiner Moto Guzzi in die Toskana, ich mit allem Gepäck im PKW. Er mietete grundsätzlich nur Ferienhäuser, ich grundsätzlich nur Hotels. Er musste auch im Urlaub mindestens zweimal täglich selber kochen während ich mich täglich über toskanische Hausmannskost im Hotel freute.

Und irgendwann hatte er sein Traum-Ferienhaus gefunden, dass er viele Jahre immer wieder besuchte. Mitten in einem Weinberg mit traumhafter Aussicht über die Riviera-Küste, Innen- und Aussenküche und riesiege Tische. Was lag also näher als dort bei einem der zahlreichen Urlaube dort gemeinsam zu kochen. In einem Anflug von Wahnsinn hatte mein Bruder seinen Vermieter und Winzer samt Familie und Freunde zum essen eingeladen. Und nun brauchte er dringend Hilfe.

Und er hatte noch überhaupt keinen Plan. Wir also erstmal in den größten Supermarkt in der Nähe, den kannten wir schon aus Besuchen vorheriger Urlaube, wir wussten, wo der beste Metzger ist, wie kannten Fischgeschäfte und Gemüsebauern, kurzum wir waren einen halben Tag unterwegs, der Kofferraum zum bersten voll und so langsam hatte sich auch ein kleines Menu herausgebildet……

Es würde hier den Rahmen sprengen zu beschreiben welcher Stress die Vorbereitungen waren, wie wir versuchten mit Ferienhaus-Equipment über die Runden zu kommen und irgendwann scheiterten. Aber…..Nur einen Steinwurf weit hatte der Winzer einen eigenen holzbefeuerten Pizzaofen, den wir nutzen durften. Aber schon zum anfeuern einheimische Hilfe brauchten. Für den Fleischgang, ohne Ahnung, wie das dort funktioniert, mit ner Mörderhitze……schwitzend, trinkend, leicht den Überblick verlierend aber wie stets optimistisch und bestens gelaunt. Und je näher der Abend rückte, desto lockerer unsere Sprüche und umso besser unsere rudimentären Italienisch-Kenntnisse. Wir beide am Herd – das war Kabarett.

Und als es dann abends losging und auch die Italiener ausser Rand und Band gerieten, der Wein im wahrstem Wortsinne in Strömen floß und unsere Verständigung immer besser klappte, als Komplimente und Beleidigungen über das Essen ausgetauscht waren — da erschallte über den ganzen Weinberg ein vielstimmiges „che cazzo“. Unvergesslich.

Leider nicht wiederholbar, weil der kleine Bruder unerwartet vor einigen Jahren tot umfiel. Che cazzo!