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Kulinarische Begegnungen 23 – Marieneck

26. September 2018

In meiner Kindheit gehörte Ehrenfeld zu jenen Kölner Vororten, die ebenso wie Nippes, Kalk oder Mauenheim von unserer Jugend-Fußballmannschaft nur ungern besucht wurden. Hier gab es immer schwere Niederlagen, die stets mit irgendwelchen Verletzungen einher gingen. Ehrenfeld war für uns damals ein ziemlich fieser Vorort. Hier war es ruppig und rau, die hier lebende Jugend war immer ein bisschen härter als wir. Und sowas prägt sich tief in das Gedächtnis ein.

Auch heute noch gibt es Ecken in Ehrenfeld, die ich zu meiden suche. Insbesondere der „hintere“ Teil der Venloer Strasse zwischen Gürtel und Äusserer Kanalstrasse kann mit so mancher obskurer Lokalität aufweisen, hier gibt es nicht nur italienische Zockerbuden und türkische Teestuben, nicht nur schmierige Dönerläden und allerschrägste Möbelgeschäfte – hier befindet sich in einer engen Seitenstrasse auch das legendäre „Marieneck“. Ein ziemlich gefährlicher Laden. Früher eine typische Eck-Kneipe, heute das, was man sprachmodern „Event-Location“ nennt.

Die hohen Fenster sind tagsüber meist mit schweren Rollos verschlossen und erst ab späten Nachmittag wird ersichtlich, dass hier etwas Gastronomisches stattfindet. Moderne Küchenausstattung, Tische, Stühle, Kochtechnik. Chef im Ring ist ein Typ namens Marco. Klingt italienisch, ist es aber nicht. Marco ist Gastgeber. Nicht nur für die Kochschule, nicht nur für Wein- und Bierproben und auch nicht nur für verschiedene Kochevents. Marco ist Ermöglicher.

Nicht nur für den inzwischen weit über Köln hinaus bekanntgewordenen „Schwarzmarkt“, der nicht-kommerziellen Tauschbörse für selbstgemachte Lebensmittel, die sich zum zehnten Mal jährt. Hier finden Supper-Clubs statt, meist schnell ausverkauft, hier dürfen Koch-Lehrlinge vor Publikum im Rahmen der „Sunday-Supper“ ihr Können demonstrieren und hier können aus ganz Deutschland anreisende Kochverrückte die Töpfe schwingen. Marco ist stets dabei. Meist im Hintergrund, umsichtig, beratend, selten zur Hand gehend. Besonders sein Talent für die Personalauswahl wird immer wieder besonders gelobt, seine Servicefrauen handverlesen, pfiffig, hilfsbereit. Marcos Metier ist mehr so der Getränkekühlschrank, insbesondere die Weinabteilung. Denn Marco ist auch Sommelier. Großzügig bis zur Verschwendung, experiemtierfreudig bis knapp vor dem Wahnsinn. Das „Marieneck“ in Ehrenfeld ist ein gefährlicher Ort.

Eine Kneipe ist nur so gut, wie der Wirt, der hinterm Tresen steht und eine Eventlocation nur so erfolgreich, wie die, die sie managen. Manchmal, so erzählt Marco hin und wieder, ist er wirklich im Stress, meist zu in der Adventszeit wenn hier Weihnachtsfeiern stattfinden oder Firmen Kochorgien buchen. Dann muss er Einkäufe erledigen, Tische umräumen, Personal organisieren und Getränkevorräte auffüllen. Dann sieht man ihn tatsächlich auch mal mit einem Schweißtröpfchen auf der hohen Stirn…..Aber er hat moralische Unterstützung von einem im Laufe der Jahre immer größer werdenden Fanclub. Ohne diese Fans wäre das alles nicht so aussergewöhnlich. Da gibt es den aus dem Gesindehaus, und den, der sich nicht nur mir Bieren exzellent auskennt, da gibt es den Kultur-Anthropologen, der nicht nur Foodcamps organisiert und sich auch sonst immer wieder als kreativer Macher zeigt und da gibt es jede Menger BloggerInnen, die im Marieneck die Fotoapparate glühen lassen. Und immer ist Marco mittendrin, er ermöglicht.

Das Marieneck in Ehrenfeld ist ein ziemlich gefährlicher Laden. Meist wird es spät, meist wird es alkoholreich, immer ist es lustig und manchmal übermütig.