Kulinarische Begegnungen 15 – Segundo Acto

Ein weiteres Bar-Ereignis aus Barcelona ist erwähnenswert.

Die Carrer d’en Roca ist eine kleine dunkle Gasse parallel zur Rambla. Es riecht nach Urin, nach Drogen, hier erbrechen sich besoffene britische Touristen. Je weiter man in diese Gasse geht, desto unbeleuchteter wird sie. Und dann sah man bis vor einige Jahre ein beleuchtetes bleiverglastes Fenster. Die Bar „Seguno Acto“. Die abgerockteste Bude, die ich jemals betreten habe, minimalst beleuchtet, eigentlich war es stockfinster, es dauerte Minuten bis das Auge sich nachts an diese Dunkelheit gewöhnt hatte. Hinterm Tresen stand Emilio, stadtbekannter Wirt schweizerischen Ursprungs, der jedoch seit Jahrzehnten in Barcelona lebt. Emilio hatte das Talent, das Publikum dieser Kaschemme über Jahre interessant zu halten. Hier trafen sich Künstler, Maler, Schriftsteller, Winzer und schräge Gestalten. Hier wurde gekifft, was die selbstgedrehten Stengel hergaben, hier wurde Schach gespielt und viel getrunken. Gegen Mitternacht war der Laden immer voll, es herrschte eine ausgelassene Stimmung, auch unter den zahlreichen deutschsprachigen Ausgewanderten, die sich hier regelmäßig auf ein Bierchen trafen.

Emilio hatte Sinn für Kunst. Der gesamte hintere Bereich der Bar war voller Kunstwerke an den Wänden und die große Wand im Eingangsbereich ließ er alle paar Monate von einem anderen Künstler neu gestalten. Direkt auf die Wand gemalt entstanden teils wunderbare Kunstwerke, die selbstverständlich von den Stammgästen kenntnisreich kommentiert wurden. Hier wurden Kunstwerke verkauft, hierher kamen Künstler mit ihren Mappen um zu verkaufen.

Ich war immer hin und her gerissen hier. Einerseits eine üble Kaschemme, andererseits interessantes Publikum mit interessanten Gesprächsthemen. Und als eines Tages wieder einmal die große Wand künstlerisch aufgefrischt wurde und ich mit Emilio das gemalte Motiv zu deuten versuchte, ritt mich der Leichtsinn. Mehr aus Spaß bot ich ihm an, das nächste Motiv auf die Wand zu malen…Und er war einverstanden. Gage gab es auch. Richtig fairer Preis. Also gut, zwei Monate später bin ich wieder nach Barcelona geflogen, habe dort Farben, Pinsel und erforderliches Equipment gekauft und Emilio gab mir für zwei Tage den Schlüssel für die Bar.

Lang der Rede….ich bemalte die Wand mit einem informellen Motiv (eine Kombination im Stil meiner beiden Kunsthelden Emil Schumacher und Antoni Tapies) und war einigermaßen zufrieden mit dem Ergebnis nach zwei Tagen harter Arbeit an der Wand. Freitag Abend dann die Vernissage im Beisein des Künstlers. Emilio hatte Musiker und Tänzer eingeladen (darüber wird noch separat zu schreiben sein), die Kaschemme voller Gäste. Und als ich die Bar betrete traue ich meinen Augen nicht. Das Bild fast verschwunden, die Farbe fast weg, eingesogen in die Wand, eingesogen in hundert Farbschichten darunter. Ich bin in den Erdboden versunken…..

Aber die tröstenden Erdnüsschen waren die leckersten ever.

Die Bar Segundo Acto gibt es nicht mehr, sie hat aber nochmals internationale Berühmtheit erlangt durch einen Dokumentarfilm, der auf einigen spanischen und französischen Filmfestivals wohl hochgelobt wurde und in der die Bar als „The temple of the bohemians in Barcelona“ bezeichnet wird.

Bei Youtube gibts ein kleines Amateur-Video aus dem Inneren der Bar.

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