Kulinarische Begegnungen 8 – Austern auf die Internationale

Wir waren jung und wir waren ein bisschen übermütig. Im Jahre 2001, im milden Mai waren wir mal wieder mit einer gecharterten Motoryacht unterwegs, diesmal hatte wir als Route den „Canal du Rhone a Sete“ am Rande der Camargue ausgewählt.

Bei jeder Schiffstour obliegt dem Kapitän die vornehme aber verpflichtende Aufgabe das Logbuch zu führen. Dafür gibt es bei uns ein eigens in Leder gebundenes dickes Buch, vom Buchbinder gefertigt und mit den Jahren mit entsprechenden Gebrauchsspuren gezeichnet. Jeden Abend, nachdem „klar-Schiff“ gemacht wurde, bekommt der Kapitän einen Cognac, eine anständige Zigarre zur Inspiration und Motivation und dann darf er sich zurückziehen um den Tag zu dokumentieren. Und als Beweis der Wahrheit des Geschreibsels und Korrektheit der Dokumentation unterschreiben die Crewmitglieder jedes Tagewerk. Insofern ist das folgende verbürgt. Die Zitate stammen aus dem Original-Bordbuch.

Wir waren schon ein paar Tage unterwegs, hatten die eine oder andere Seemeile auf dem Kanal schon bewältigt und waren kurz vor dem Ort Saint Gilles. Dieser Ort, so hatte der mitgebrachte Reiseführer geschrieben, sei einer der Hochburgen der Le Pen Bewegung. So gar nichts für uns. Aber wir wollten unbedingt auf den dortigen Wochenmarkt, weil dieser zum einen wohl pittoresk schön sei, zum anderen aber auch weil wir unsere Gemüsevorräte auffüllen mussten. Der Kapitän riss mich aus dem leichten Dämmerschlaf am Oberdeck und bat mich auf die Brücke, an den Kommandostand. Kurzes Beratschlagen, wie zu verfahren ist angesichts der zu erwartenden rechten Gesinnung. Das sind Herausforderungen bei denen wir bis heute stets zu echter Hochform auflaufen.

Kapitän Norberto, in Seemannskreisen als der „Rote Käptn Nobby“ berüchtigt, ließ als erstes eine rote Flagge hissen. Und weil es an Bord zufällig ein paar rote Socken gab, zog jeden von uns eine an den linken Fuß. Und etwa eine Seemeile vor der Hafeneinfahrt sangen wir dann lautstark die Internationale. Gekonnt und ziemlich melodiesicher. Bis in den Ort. Dann die Hafeneinfahrt:

Stille, die Gespräche waren verstummt, erwartungsvolle Blicke, es lag was in der Luft.

Hinzu kam, dass die einzige freie Anlegestelle ziemlich kompliziert zu erreichen war, dafür waren diverse Manöver erforderlich. Der Kapitän blieb locker, demonstrative Lässigkeit. Aber es half nichts. Nur mit Hilfe der Bugstrahlruder, deren Benutzung beim Kapitän gegen seine nautische Ehre verpönt ist, schaffte er es, die komplizierten Manöver durchzuführen und das Boot einigermaßen nahe an die Anlegestelle zu bugsieren. Unter Freizeitkapitänen ist es üblich, bei Anlegemanövern zu helfen, Taue zu befestigen etc. Nicht hier. Keine helfende Hand rührte sich. Alles blieb sitzen und wartete. Also sprang ich leichtfüßig und behände wie es damals noch möglich war auf den Holzsteg und machte die mächtige Yacht provisorisch fest. Motor aus. Zigaretten an. Alle Mann von Bord, der Kapitän kontrollierte nochmals korrigierend die Leinen und dann ab zum Markt. Immer noch gespenstische Stille im Hafen.

Das Bordbuch vermerkt an dieser Stelle: „Die Glatzen verkriechen sich angesichts der geballten sozialistischen Grundüberzeugungen“.

Nur ein Franzose winkte uns von weitem an seinen Stand. Es war ein kleiner Marktstand, wir konnten noch nicht erkennen, was dort verkauft wird. Je näher wir aber kamen, desto mehr lief uns dann aber schon der Speichel. Frische Austern. Ob wir diejenigen seien, die da eben singend in den Hafen eingefahren seien, fragte er streng mit stechenden Blicken. Mais qui, claro. Ja, dann, langt hin Freunde, all you can eat und er begann Austern zu öffnen. und wir schlürften, 6-8 jeder, dann hörten wir anstandshalber auch auf, nicht aber ohne ihn nach einer Kneipe zu fragen, die anständiges Essen serviert. Natürlich kam der Tip, wir bedankten uns und nach solcher Vorspeise gings sofort in das von ihm empfohlene Restaurant. Das Bordbuch gibt erneut Auskunft, was wir bestellten: „Herzmuscheln in Aoili, Dorschbällchen in Pepperoni, Kaninchen in Wacholder, Entrecote mit Roquefort, Tintenfisch in roter Soße, Tarte, Mousse, Sorbet, Trester, Mirabelle.“

Nicht so schlecht, dieser Tag. Und frisches Gemüse haben wir erst am nächsten Tag besorgt.

 

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