Kulinarische Begegnungen 1 – Der Sarde – Teil 2

Nach und nach kommen immer mehr Leute, Frauen, Männer, Kinder, bald ist die Küche mit mindestens 20 Menschen gefüllt. Zwei deutsche und der Rest Sarden. Es ist wohl die südländische Mentalität, dass sowas nicht leise passieren kann. Da wird diskutiert und gekluscheissert, da wird gehänselt und getrunken. Es ist höllenlaut. Aber alles passiert offensichtlich nach eine eingespielten Choreografie. Die Frauen putzen die Pilze, zerschnibbeln Gemüse und die Artischockenberge, die Männer kümmern sich um die Feuerstellen. N. befeuert den Kamin, Luigi zündelt am Holzkohlegrill vor der Türe und Arturo zerteilt mit einer überdimensionierten Heckenschere, die ihre besten Tage schon lange hinter sich hat, die Kaninchen in handliche Stücke. N. präpariert das Spanfekel auf einen Spieß der vor den Kamin montiert wird und holte die Töpfe und Pfannen aus seiner Vorratskammer. Und das sind Großküchenteile, die leer schon erschreckend schwer sind. Es wird getrunken. Reichlich „Aqua bionda“ so nennen die das sardische Ignusa-Bier.

Während ich in der nachmittäglichen Herbstsonne das eine oder andere Rauchopfer darbringe und mit den etwas mehr als rudimentären Sprachkenntnissen über das Jagen in den Bergen diskutiere hat N. inzwischen die Kaninchenteile angeröstet, Gemüse dazugegeben und mit reichlich Wein abgelöscht. Der Riesentopf kommt nun vor die Türe auf den kleinen Holzkohlengrill zum fertigschmoren. Auqa bionda.

Drinnen in der Küche werden Tische zusammengeschoben, Stühle aus der oberen Etage herangeschleppt und die erste Salami wird angeschnitten. Aquq bionda. Ab und an kümmert sich N. um das Spanfekel, noch ne Stunde erläutert er fachmännisch. Schinken wird aufgeschnitten und Tomaten und Gurken und Salat. Und Aqua bionda.

Und irgendwann mit Einbruch der Dunkelheit beginnt das „festa piccola“. Jetzt erst werden Weinflaschen geöffnet, der Mirto und der Grappa kommen auf den Tisch, die Stimmung wird ausgelassener, die Lautstärke fast infernalisch….

Und dann plötzlich Ruhe. Und dann fangen sie an zu singen. Singen, nicht grölen. Alte sardische Volkslieder. Richtig gut, ich bin wirklich ergriffen und gerührt.

Schnitt, ein halbes Jahr später. Wir hatten mal wieder für ein verlängertes Wochende einen Flug nach Olbia gebucht, unseren Besuch auch bei N. angekündigt und sein Freund Luigi hatte uns seine Ferienwohnung zur Verfügung gestellt. Angesagt war gemeinsames Kochen in N’s inzwischen komplett fertig gestellten Haus.

Ich erinnere leider nicht mehr was wir gekocht haben, sondern an das, was dem folgte.

N. hatte einen großen leistungsstarken Gitarrenverstärker aufgetrieben und eine alte Elektrogitarre, beides schon aufgebaut und angeschlossen im Musiksalon der oberen Etage seines Wochenendhauses. Er an der „Batteria“ und ich an den Saiten. So ein bisschen rumgerockt, Jumping Jack Flash und ähnliches was jeder Gitarrenquäler eben so drauf hat. Alles easy, alles leicht schräg aber lustig. Und während wir so vor uns hin zu musizieren versuchen erscheint ein Bekannter von N. mit seiner Frau. Schlaksige Figur er, etwa zwei Zentner sie. Er peschwarzes gegeltes Haar, sie grauhaarig, dunkelhäuig aus Kuba. Er möchte auch mal die Gitarre umschnallen, ein paar Akkorde durch den Verzerrer jagen und er will singen. Schaut mich auffordernd an. Ich bin das lebende Fragezeichen. Weder sangesstark noch in irgendeiner Weise textsicher. Welches Lied ich denn kennen würde. Mio dio, davon kennst du doch kein einziges.

Aber die Internationale werde ich doch wohl kennen. Zugegeben. Und dann rockten wir drei die Internationale mehr schräg als schön. und die kubanische Frau hatte Tränen der Ergriffenheit in den Augen.

Das alles ist jetzt mehr als 10 Jahre her. N. ist inzwischen aus der Koopetrative des Campingplatzes ausgetreten und hat ein eigenes Restaurant. Ab und an haben wir noch Kontakt aus der Ferne und es wäre mal wieder an der Zeit für Sardinien….. Wir hatten noch gemeinsame Reisen nach Paris und nach Barcelona. Davon später an dieser Stelle.

Und zur „Internationalen“ gibt es ein weiteres kulinarsich-spannendes Erlebnis aus Frankreich. Auch das irgendwann hier.

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Eine Antwort to “Kulinarische Begegnungen 1 – Der Sarde – Teil 2”

  1. kuechenreise Says:

    Wow, tolle Geschichte, und schön, dass es hier am Blog ‚weitergeht‘!

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